LIEBE LESER, IN
DIESEM BEREICH
KÖNNEN SIE...

… DAS
ABOUT TRUST-ARCHIV
DURCHSTÖBERN

ZUM ARCHIV

… DAS
AKTUELLE MAGAZIN
ALS PDF HERUNTERLADEN

ZUM DOWNLOAD

… DAS
ABOUT TRUST MAGAZIN
KOSTENLOS BESTELLEN

ZUM FORMULAR

 Interview

„Keine Schalte ersetzt das persönliche Gespräch“

Ein oder zwei Tage Homeoffice pro Woche gehören mittlerweile für immer mehr Angestellte zur Normalität. Was es dabei zu beachten gilt, welche Fallstricke lauern – und wie die optimale Mischung zwischen Büro und Homeoffice aussieht, erklärt der Arbeitsmarktexperte Karl Brenke im Interview.

Interview Thomas Schmelzer  
Foto plainpicture

Herr Brenke, seit wann gibt es eigentlich so etwas wie Homeoffice?

Es gab eigentlich schon immer bestimmte Formen des Arbeitens von zu Hause. Oft waren das formal selbstständige Tätigkeiten, die aber faktisch in einem Abhängigkeitsverhältnis standen. Die Leute waren also immer noch von wenigen Auftraggebern abhängig. Das waren meist schlecht entlohnte, prekäre Jobs.

 

Zum Beispiel?

Im 18. und 19. Jahrhundert haben viele formal selbstständige Weber für einen Verleger Stoffe produziert. Sie bekamen einen Auftrag und mussten dann innerhalb einer bestimmten Zeit eine gewisse Anzahl Meter in einer festgelegten Qualität herstellen. Am Ende kam der Auftraggeber, hat alles abgeholt und bezahlt. Ähnlich ging es nach dem Zweiten Weltkrieg weiter, als beispielsweise Kriegerwitwen zu Hause Schachteln für Arzneimittel falten und kleben mussten.

 

Damit hat das heutige Homeoffice kaum noch etwas zu tun.

Genau. Mehr als einen Laptop, einen Internetanschluss und ein Telefon brauchen Sie heute nicht. Und natürlich die Absprache mit dem Arbeitgeber.

 

Eine ruhige Ecke wäre wahrscheinlich auch nicht schlecht.

Klar, ein Schreibtisch und Ruhe helfen. Man könnte theoretisch auch noch über weitere Details sprechen, aber in der Praxis scheitert das an der Überprüfbarkeit. Welcher Arbeitgeber interessiert sich schon dafür, ob die Arbeit am Schreibtisch, im Bett oder am Küchentresen erledigt wird? Beim Lehrer, der Hefte zu Hause korrigiert, fragt sich ja auch keiner, ob die Glühbirne stark genug ist und sein Arbeitsstuhl ergonomisch hinreichend. Ein guter Arbeitgeber sollte aber trotzdem daran interessiert sein, dass seine Mitarbeiter zu Hause eine gute Ausstattung zur Verfügung haben.

 

Welche Vorteile ergeben sich denn aus dem Homeoffice für Arbeitgeber und Angestellte?

Als Arbeitnehmer kann ich mir natürlich die Fahrt zur Arbeitsstätte sparen, was in Ballungszentren keine unerhebliche Zeitersparnis ist und zudem die Umwelt schont. Der Arbeitgeber spart Kosten, weil er zumindest teilweise Räumlichkeiten anders einsetzen kann. Der wichtigste Punkt ist aber die Zeitsouveränität für den Arbeitnehmer, da er sich den Tag selbst einteilen kann.

 

Zur Person

Zur Person

Karl Brenke ist Experte für Fragen rund um den Arbeitsmarkt. Der studierte Volkswirt arbeitet als Referent am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Er hat dort auch einen Sitz im Vorstand. Viel Aufsehen erregte unter anderem seine 2010 veröffentlichte Studie zum Fachkräftemangel in Deutschland.

Kann er das im Büro nicht auch?

An einem normalen Arbeitstag bin ich von neun bis fünf Uhr nachmittags im Büro. Wenn ich mir den Weg zur Arbeit spare, kann ich schon ab acht Uhr am Schreibtisch sitzen und bis zwölf durcharbeiten. Ich kann mich dann zum Beispiel entscheiden, über den Mittag Sport zu machen und nachmittags oder abends meine Arbeit zu beenden. Wenn ich Kinder habe, bestünde auch die Möglichkeit, mit ihnen etwas zu unternehmen.

 

Klingt ein bisschen nach Laissez-faire.

Genau das ist aber nicht gemeint. Zeitsouveränität bedeutet nicht, dass ich meine Arbeit schleifen lasse, sondern dass ich im Gegenteil eine erhebliche Disziplin mitbringen muss. Erfahrungen zeigen, dass Arbeit und Kinderbetreuung gleichzeitig nicht funktionieren und Prioritäten gesetzt werden müssen.

 

Das ist alles?

Am wichtigsten ist, zwischen Produktivität und bloßer Arbeitszeit zu unterscheiden. Als Arbeitgeber sollte ich dem Arbeitnehmer zum Beispiel bestimmte Aufgaben mit nach Hause geben, anstatt bloß zu verlangen, eine bestimmte Zeit vor dem PC zu sitzen. So wird eine vordefinierte Leistung abgefragt und auf Produktivität gesetzt. Die Gefahr dabei liegt allerdings darin, dass die Mitarbeiter übermäßig eingespannt werden, sofern keine klaren Absprachen und vernünftigen Ziele vereinbart worden sind.

 

Freizeit und Arbeit verschwimmen.

An dem Punkt muss man höllisch aufpassen. Disziplin und klare Organisation sind extrem wichtig — nicht nur in Bezug auf die Arbeitszeiten. Dazu gehört zum Beispiel auch die Disziplin, in den Pausen nicht auf das Handy zu schauen und jede Mail direkt zu beantworten. Man muss auch mal sagen können, dass die Arbeit für heute getan ist und nun der Computer ausgeschaltet bleibt. Das ist aber letztlich alles eine Gestaltungsfrage, in der auch der Vorgesetzte integriert werden sollte.

 

Wie bewerten Firmen und Mitarbeiter das Modell Homeoffice selbst?

Dazu gibt es keine profunden Studien, aber einige Umfragen. Und die zeigen eigentlich nur Vorteile auf beiden Seiten. Allerdings sind längst nicht alle Jobs fürs Homeoffice geeignet. Über den Daumen gepeilt reden wir von maximal 40 Prozent aller Jobs. In der Regel sind das häufig akademische Berufe mit hochqualifizierten Mitarbeitern. Die sind auch aufgrund der demografischen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt gefragt und können dementsprechend höhere Forderungen an den Arbeitgeber stellen.

 

Also gibt es gar keine Nachteile?

Na ja, die mangelnde Anwesenheit im Büro kann natürlich schon zu mangelnder Sichtbarkeit beim Chef führen. Wer nicht oft im Büro ist, kann schnell bei Projekten oder Beförderungen vergessen werden.

 

Leidet nicht auch die Kommunikation mit den Kollegen?

Wir haben herausgefunden, dass die Kommunikation mit den Kollegen auch beim Homeoffice hinreichend funktioniert. Ich sehe ehrlich gesagt keinen Vorteil darin, wenn meine Kollegen ständig in mein Büro kommen und mich ablenken. Die Gespräche kommen dann vom Hölzchen aufs Stöckchen und gleiten nicht selten vom Thema ab. Ich finde, man kann alles Wesentliche auch per Telefon und Mail organisieren, sich für Telefonate verabreden und schon vorher Dinge ausarbeiten.

 

Und der Faktor Mensch?

Es kann sein, dass man nicht ganz so genau vom Urlaub des Kollegen erfährt, aber vollkommen fehlt der menschliche Aspekt beim Homeoffice sicherlich nicht. Mitunter hängt es auch vom Temperament der Kollegen ab. In manchen Büros wird mehr Socializing betrieben, in anderen weniger. Viele reagieren sogar genervt, wenn manche Kollegen ständig mit Privatem um die Ecke kommen.

 

Wie sieht es mit dem klassischen Meeting aus?

Ich glaube, dass das Homeoffice die Anzahl von Meetings generell reduzieren kann. Oft habe ich den Eindruck, dass Meetings nur noch Rituale sind, in denen man sich beweisen kann. Aber ich gebe zu, dass keine Schalte in den Konferenzraum das persönliche Gespräch toppen kann. Auch hier kommt es auf die richtige Mischung an. Wenn die stimmt, kann man die Abläufe straffen und dem Persönlichen trotzdem genügend Raum lassen.

 

Und wie sieht die richtige Mischung aus?

Studien zeigen, dass Leute, die ein paar Tage pro Woche von zu Hause arbeiten, zufriedener sind. Das kann aber auch daran liegen, dass wir es hier, wie gesagt, mit höher qualifizierten Arbeitnehmern zu tun haben, die tendenziell zufriedener sind. Nur Homeoffice ist allerdings auch nicht zu empfehlen. Zwei bis drei Tage pro Woche im Büro mit Kollegen schaden sicherlich niemandem.

 

Wie sieht die Zukunft des Homeoffice aus?

Der Trend geht ganz klar zu mehr Homeoffice, weil die Unternehmen die Vorteile des Modells erkannt haben und durch Homeoffice-Angebote für qualifizierte Arbeitnehmer attraktiver werden. Vor allem Banken, Versicherungen und der Öffentliche Dienst haben aber noch ein großes Potenzial. Und natürlich gibt es Berufe, die man schlicht nur vor Ort erledigen kann: Der Betongießer muss weiterhin auf der Baustelle sein und die Kassiererin kann nicht von daheim abrechnen. Bei solchen Jobs wird es auch in Zukunft keine großen Veränderungen geben.